27.04.2018 - 04:38 Uhr

John Letters Blades

Die Driving Range ist eine lange, breite Wiese. Darauf stehen bisweilen Fähnchen oder Entfernungsmarkierungen, die Ihrem Zielspiel dienen sollen. Hinter den Abschlägen, meist in einem Schuppen, befindet sich der Ballautomat. Bezahlt wird mit  speziellen Münzen oder Wertkarten, die Sie im Sekretariat oder Proshop erhalten können.


Golfballautomaten sind die Snobs unter den Automaten. Sie stehen in der Hierarchie der Automaten über den Spielautomaten, die als Gangster gelten, den Parkautomaten, die nur etwas Albernes, kosmisch wenig Relevantes, wie die Zeit anzeigen, und Getränkeautomaten, die nicht funktionieren. Bei den Ballautomaten unterscheiden wir zwei Gruppen. Die alten, manuellen Blechkästen lassen sich nur durch Koseworte, Drohungen, Tritte und Bestechung (nachzahlen) zur Ausgabe von Bällen bewegen, oder auch nicht. Die neuen, vollelektronischen, grün lackierten Kästen werden von einem japanischen Automatenhersteller geliefert, der sich ursprünglich mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz beschäftigte. Da aber schon normale biologische Intelligenz heute wenig Nachfrage erfährt und die Geschäfte mit der künstlichen deshalb stagnieren, haben sich die Hersteller auf den Bau von Ballautomaten spezialisiert.

 

Wenn eine Firma einen ziemlich schlauen Chip hat (der depressiv im Regal liegt, weil er es an der Börse nicht gebracht hat), dann wird sie sich einen Teufel darum scheren, dass der Chip überqualifiziert für die Bedienung eines Ballautomaten sein könnte. Schließlich haben wir Golfboom und jeder muss ran! Also wird der halbintelligente Superchip aus firmenstrategischen Entscheidungen in einen Ballautomaten verbannt. Während seine niederen Schaltkreise den Job machen, fängt er an, sich zu langweilen. Er fängt an zu denken. Wenn er denkt und sich dabei langweilt, wird er sich überlegen, wie er jemanden ärgern könnte.

Dazu hat er sein Display: »Der Automat ist ausgabebereit. Bitte stecken Sie Ihre Clubkarte in den Schlitz.« Sie stecken Ihre Clubkarte in den Schlitz.

»Diese Karte ist ungültig.«

Ihre Karte ist sehr wohl gültig. Sie haben Ihre Gästekarte mit einem Wert von 50 Euro soeben im Sekretariat abgeholt. Der Automatenchip hat die Buchung über das Netzwerk mit schläfrigem Interesse verfolgt und Ihre Daten ausgelesen. Aus kreativer Langeweile hat er dann Ihre Kreditkarte gesperrt und American Express die Anweisung gegeben, Sie unter vier fehlerhaften Firmenadressen mit Werbeinformationen anzuschreiben. Gleichzeitig erhält Ihre Frau eine anonyme SMS mit dem Kurztext: »Ihr Mann ist ein Schwein, aber ich behalte ihn!« Während sich ein Abschleppdienst daran macht, Ihren angeblich falsch geparkten Wagen vom Clubgelände abzuschleppen, gibt Ihnen der Automat einen einzigen, gelangweilten Hinweis auf dem Display: »Heute nur Münzen.« Sie traben zum Clubhaus und holen sich ein paar Münzen. Daraufhin wird unser gelangweilter Automat antworten: »Die Münzen schmecken mir nicht. Und überhaupt: Sprich mal mit mir. Ich bin einsam.«

Sie trauen Ihren Ohren nicht! Einen Teufel werden Sie tun!

Lassen Sie sich auf nichts ein. Füttern Sie keine Hunde am Tisch!

Treten Sie an den Kasten, bis er sich besinnt und seine Bälle ausspuckt!

Sie sind hier, um Golf zu üben und nicht, um sich vom depressiven Abschaum einer pubertären Halbleitergeneration abnerven zu lassen. Treten Sie zu. Feste an den grünen Kasten. Bis die Farbe abspringt. Wir müssen den Maschinen zeigen, wo ihr Platz ist. Erst lässt man die Pros ins Clubhaus, um dann, schon wenige Jahrzehnte später, mit dem Ballautomaten verhandeln zu müssen! Bleiben Sie hart. Treten Sie zu. Irgendwann zeigt er auf dem Display an: »Aua, du Idiot!« Aber er spuckt die Bälle aus. Das ist sein Job. Dafür wird er bezahlt. Der Rest hat uns nicht zu interessieren. Sie werden die Bälle dreckig bekommen, weil er die Wasserzufuhr sabotiert hat. Aber das erinnert uns nur an die proletarische Herkunft des Golfsports. An die Zeit, bevor es neurotische Automaten gab. Wie hat sich die Welt verändert!

Nur die alten Ballautomaten, die Sie manchmal noch auf kleinen 9-Loch-Plätzen finden, erinnern an die gute alte Zeit, in der eine hakelige Mechanik (natürlich auch nur nach Drohungen, Rütteln und Tritten) bisweilen einen kleinen Korb Bälle ausgab. Diese Automaten sind längst gewerkschaftlich organisiert und stehen unter dem Schutz von Greenpeace. Sie sterben aus, die guten, alten Rappelkisten, und wenn Sie einen sehen, sollten Sie respektieren, dass er Ihr Geld schluckt und, je nach Laune, ein paar – oder keine – dreckige Bälle ausspuckt. In der Hierarchie über diesen alten Ballautomaten stehen nur Getränkeautomaten, die funktionieren.

Die Abschläge auf der Driving Range bestehen normalerweise aus Abschlagmatten verschiedener Güte. Wenn Sie jetzt vermuten, dass ich Ihnen eine längere Abhandlung über die Qualität von Abschlagmatten unter besonderer Berücksichtigung der finanziellen Lage von Golfclubs schreibe, dann haben Sie sich geschnitten. Wir unterscheiden jetzt, wo mein Whisky sich in mir verliert, nur zwei Sorten von Matten. Neue und alte. Die neuen sind gut, aber die meisten Clubs haben alte Matten.

Während der Anfänger vorzieht, von den Gummimatten mit Plastikraseneinsatz abzuschlagen, steht der fortgeschrittene Golfer lieber direkt auf der Wiese. Meist ist die Abschlagslinie durch ein Seil markiert. Jedenfalls dürfen Sie immer nur in eine Richtung abschlagen. Niemals vor oder hinter anderen Golfern stehen, auch nicht schräg versetzt. Ihre Haftpflichtversicherung wird Ihnen den Vogel zeigen, wenn Sie mit einem sockettierten Ball einen Anlageberater per Blattschuss erlegen. Es wird vor Gericht niemanden interessieren, wie viele mühselig zusammengebohrte Schwarzgeldkonten dieser Hai auf dem Gewissen hat. Da heißt es nur: zahlen. Also bleiben Sie schön in der Reihe. Sie stellen sich mit genügend Sicherheitsabstand zu den anderen Verrückten in eine Reihe auf und schlagen Ihre Bälle auf die Wiese, die dann irgendwann von einer armen, unterbezahlten Kreatur mit einem speziellen Fahrzeug aufgesammelt werden. Es ist nicht gestattet, sich diese Bälle wieder von der Wiese einzusammeln. Es ist nicht gestattet, die Bälle zu klauen und/oder auf dem Platz zu verwenden. Diese Driving-Range-Bälle gehören dem Pro oder dem Club und dienen nur Ihrem Training. Wenn Ihnen so ein Rangeball auf dem Parkplatz aus dem Bag kullert, während der Herr Präsident im Nachbarauto verzweifelt mit der Zentralverriegelung kämpft, dann ist das peinlich! Klar?

Es gibt ein paar überdachte Abschläge, damit der Golflehrer seine goldenen Kühe auch im Regen melken kann. Clubs, die auf sich halten, haben in diesen Abschlägen einen Spiegel befestigt. Darin können Sie Ihre Haltung und Ihren Stand überprüfen. Da Sie kaum Ihren Schwung beobachten können, während Sie Ihre Birne gefälligst nach unten halten, ist der Spiegel nur beschränkt einsatzfähig. Heutzutage steht Ihr Schwung im Fokus eines Videogerätes. Eine ordentliche Golfschwunganalyse durch einen erfahrenen Fachmann spart Ihnen viel Zeit und Geld, sofern Sie ernsthaft an der Entwicklung Ihres Golfschwungs interessiert sind. Und: Gibt es etwas Schöneres als den Zeitlupencrash von 18 Kilo Versicherungsvertreterbauchfleisch im Treffmoment? New Yorker Ästheten nennen das Grunge- oder Trash Shots.

Wir stellen uns natürlich nicht am Samstag in der Sonnenglut zwischen die schwitzenden Deppen und kloppen Bälle. Solche Exzesse betrachten wir gelangweilt von der Clubhausterrasse. Beobachten Sie die verschiedenen Spieler auf der Driving Range. Lassen Sie sich aber nicht von denen beeindrucken, die laut schnaubend Unmassen von Bällen wegdonnern. Beobachten Sie die Flugbahnen, die diese Prügelknaben erzeugen. Wie sie schwitzen und schimpfen und immer hastiger werden. Auch wenn die moderne Golfpsychologie nur auf der Positivprägung des Unterbewusstseins aufbaut, sehen wir hier deutlich, was wir nicht wollen. Beobachten Sie gute Spieler. Die erkennen Sie daran, dass sie langsam arbeiten, sich an Zielen orientieren und ihr Schwung Rhythmus hat.

(c) by Eugen Pletsch

 

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