18.04.2019 - 22:58 Uhr

An nassen, kalten Tagen wandern die Gedanken zurück in die Vergangenheit. Mancher Schwerenöter erinnert sich dann der einen oder anderen Liebschaft, die in seinem Leben eine besondere Rolle gespielt hat.

Auch ich versuchte ich mich heute Morgen besonderer Liebschaften zu erinnern, muss jedoch gestehen, dass ich den Überblick verloren habe. Die ersten Erlebnisse sind unvergesslich, aber dann zieht sich ein gnädiger Schleier über die Jahre meiner Irrwege, bis die Farben und Formen schließlich wieder deutlicher werden. Früher gab es viel mehr monogame Spieler, die, sei es durch Glück oder durch Zufall, bereits zu Beginn ihrer Spielerkarriere jenem Schlägersatz begegnen durften, dem sie bis ans Ende ihrer Tage treu bleiben konnten. Es war die Zeit, als Golflehrer noch als echte Berater fungierten und die empfohlenen Produkte von Handwerkern stammten, die höchste Qualität als Mindeststandard ansahen. Wie maßgefertigte Schuhe aus London konnte solch ein Schlägersatz bei richtiger Handhabung und Pflege nicht nur ein Leben lang gespielt, sondern darüber hinaus an die nächste Generation vererbt werden.

Zu jener Zeit, als ich mit dem Spiel begann, wurde der heutige Golfmarkt gerade erst entwickelt. Da in meinem Fall kein Golfschlägerset als Erbschaft in Aussicht stand, ergriff ich selbst die Initiative und wurde zum Material-Fetischisten. Oft lag ich mit klopfendem Herzen und ratternden Gedanken nächtelang wach und dachte über die Vor- und Nachteile verschiedener Schläger-Modelle nach, von denen ich hoffte, dass sie meine spielerische Unfähigkeit ausgleichen könnten.

An der Lausward und in Schotten traf sich der damalige Golf-Underground, die geächteten Barfußgolfer, für die es im Weltbild des DGV keinen Platz gab.“

Bei meinem schottischen beinah-Schwiegervater Jim hatte ich meine ersten Übungsschläge mit einem Linkshänder-Set absolviert. Nach einer Inkubationszeit von zwei Jahren brach schließlich der Golfvirus in mir aus und ich kaufte mir in einem Kaufhaus in Reutlingen aus der Deko der ‚Schottischen Woche‘ zwei Hickory-Eisen sowie einen Hickory-Blade-Putter[2]. Damit stand ich auf der Driving Range und weil ich mich dafür schämte, dass ich keinen Ball traf, übte ich meist nachts. Dann half ich am Abend, die Range-Bälle aufzusammeln, wodurch ich die frei schwingende Zentrifugalebene entdeckte, die ich im „Weg der Weißen Kugel“ beschrieben habe.

Irgendwann in meiner zweiten Golfsaison habe ich aus der Grabsch-Kiste eines Pro-Shops im Schwäbischen ein modernes Eisen 7 sowie ein Holz 4 (Laminat von RAM) jeweils für 10 Mark ergattert. In Donaueschingen fand ich ein Eisen 3. Auch SEVE, so erzählt die Legende, hatte mit einem Eisen 3 angefangen. Im Gegensatz zu SEVE traf ich dieses Eisen 3 allerdings niemals.

Als Nächstes träumte ich von einem moderneren Putter mit größerem Sweetspot. Neue Eisen und Putter mit Cavity Back begannen gerade, den Markt zu erobern und alle Firmen versuchten, mit neuen Produkten auf diesen Zug aufzuspringen.

Auf meinen Fahrten zur Lausward besuchte ich regelmäßig einen Golfdiscount-Outlet Store, der sich ebenfalls im Hafen von Düsseldorf angesiedelt hatte. Darin standen in großen Kartons Bündel von ausgemusterten Laminat- und Persimmon-Hölzern sowie kistenweise Einzelschläger von RAM, John Letters oder Lynx – Marken, die hierzulande kaum noch jemand kennt. Golfschuhe aus Fernost waren für 30 Mark zu haben und Regenanzüge waren entweder schwer wie Ölzeug oder so schlecht, dass sie sich im Regen beinah auflösten. Trotzdem war der Golfdiscount für mich ein Paradies. Nach wochenlanger Marktbeobachtung und einer schlaflosen Nacht genehmigte ich mir den ersten neuen Putter, ein Beryllium Kupfer-Modell namens ‚Smoothy‘ von McGregor, natürlich ein Sonderangebot. Und als Highlight gönnte ich mir kurz darauf dann auch noch meinen ersten vollen Schlägersatz zum halben Preis und hoffte, damit endlich ein richtiger Golfer werden zu können, was sich bald als Irrtum herausstellen sollte.

Den besseren Laden, eine Golfhouse-Filiale in der Düsseldorfer Innenstadt, besuchte ich ebenfalls, aber das war eine andere Welt. Dort gingen Golfer ein und aus, die sich richtige Clubmitgliedschaften leisten konnten. Im Golfhouse fand ich zwar manches Schnäppchen, aber für uns Barfußgolfer von der Lausward war der Discounter am Hafen die angesagte Adresse.
Jedes Mal, wenn ich nach Düsseldorf kam, spukte mir eine neue Theorie im Kopf herum, welche Schläger meine Ausrüstung komplettieren könnten. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, das mir etwas fehlte und ich begann, mich mit allem möglichen Firlefanz zu befassen, den der Golfmarkt im Laufe der Zeit hervorbrachte.

Schließlich kam der Tag, an dem ich im Düsseldorfer Immermann-Viertel einen japanischen Golf-Shop entdeckte, dessen Schaufenster mit geschmiedeten Blades dekoriert war, die in zeitloser Schönheit erstrahlten. Meine gegossenen, bleischweren Ping-Nachbauten, für die ich mich nach endlosen Überlegungen entschieden hatte, erschienen mir dagegen wie tölpelhafte Bauerntrampel. Dieser japanische Golf-Shop, der heute längst verschwunden ist, vermittelte mir etwas von der Grazie und Schönheit des Materials. Es folgten Jahre der Suche nach jenen besonderen Golfschlägern, die meinem Spiel die angemessene Ästhetik, Würde und Effizienz verleihen könnten. Ein Irrweg, wie mir heute scheint, denn auf schmerzhafte Weise habe ich lernen müssen, dass selbst der ästhetisch ansprechendste Schläger bei fehlerhaftem Schwung und mangelhaftem Ballkontakt wenig Effizienz bietet und jede Würde schnell verloren geht, wenn der Schock einer hart getroffenen Klinge durch den Arm zuckt und den Musikanten-Knochen zum Singen bringt.

Nur hin und wieder, wenn mich der Hafer sticht, nehme ich meine alten Apex II-Eisen mit auf den Platz. Gebeutelt von Hochmut und Größenwahn hoffe ich dann auf den perfekten, satten Schlag, den Hogan-Eisen mit etwas Glück einmal pro Runde gewähren. Was letztlich aber nicht immer der Fall ist! Viel öfter erinnern mich Hogan-Blades auf äußerst schroffe Weise daran, dass die Golfgöttin ihre Gunst nur jenen gewährt, die in Demut und Bescheidenheit verharren. Woraufhin ich mich nach kurzer Zeit dann doch lieber wieder meinem modernen Golfbesteck zuwende, das leichter den irrsinnigen Glauben nährt, man habe etwas vom Geheimnis des Spiels entdeckt.

(c) by Eugen Pletsch

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Beschreibung

„Notizen eines Barfußgolfers" ist eine für die Buchfassung überarbeitete Auswahl an Texten, die der Golfautor Eugen Pletsch in seinem renommierten Blog (cybergolf.de) zwischen 2006 und 2018 veröffentlicht hat. Kommentare zu aktuellen Golf-Themen, Szene-sezierende Glossen, Golf-philosophische Betrachtungen, praktische Tipps und stille Hinweise auf das mystische Geheimnis dieses eigenartigen Spiels, dem der Autor in seiner mittlerweile 30jährigen Wanderung (...)

  

[1] Verband clubfreier Golfer

[2] Diese Schläger vermachte ich vor ein paar Jahren einem Golfmuseum

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