25.06.2021 - 12:18 Uhr

Leider ist der FedEx Cup 2013 für mich jetzt vorbei, was aber im Großen und Ganzen gar nicht so schlimm ist. Ich habe super Erfahrungen gesammelt…“. Martin Kaymer

"Na, dann ist ja gut, Martin", könnte man sagen, "wenn es nicht so schlimm war, isses ja schön." Außerdem: Super Erfahrungen sammeln ist für einen ehemaligen Weltranglisten-Ersten immer  sehr wertvoll, oder? In Portugal kam er heute mit einer 67 rein und konnte den geteilten 13. Platz klar machen. Für deutsche Verhältnisse fast schon ein Grund zu feiern, wenn man ihn nicht als Favorit gehandelt hätte.

Ja, wir Fans dürfen hoffen, dass Martin die Kurve kriegt, zumal er mit Vater und Bruder auf in Schottland viel Spaß hatte, wie er der Golfpost am 5.10.2013 vorschwärmte.
Was mich jedoch stutzig machte war die Nachricht, dass sich Martin Kaymer von BMW getrennt hätte. Auf seiner Website schreibt er: „Ich möchte in allen Dingen authentisch handeln und habe BMW somit um Auflösung des bis Ende 2014 laufenden Vertrages gebeten. Meinem Wunsch wurde seitens BMW zum 30. September 2013 zugestimmt."

Was denn? Kam die Karre nicht mehr durch den TÜV? Aber deshalb kündigt man doch keinen Vertrag, wenn der noch bis Ende 2014 läuft! Und schon gar nicht einfach so, um authentisch zu sein! Was war denn da los?
Natürlich – einerseits kann ich es nachvollziehen. Ich habe mich schon vor Jahren von BMW getrennt (wobei ich vermute, dass Kaymers Gründe zu dieser Entscheidung kaum mit der selbstgefälligen Matrone von der Pressestelle zusammenhängen, die mir und anderen Kollegen jegliches Interesse an BMW-Events verleitet hat) und eigentlich geht es mich nichts an. Aber wir wären keinen Deutschen, wenn wir bei solch authentischen Nachrichten nicht ins Grübeln kämen.
Kurz nachdem ich von der BMW-Trennung hörte, blätterte ich zufällig in der August-Ausgabe des Golfmagazins, worin sich Kaymer ab Seite 20 über „Kacke am Schläger“ auslässt: Im Sommer bei der BMW Open 2013 verweigerte er seinem Sponsor die Gefolgschaft. Anstatt mit anderen Golf-Profis im Englischen Garten rumzukaspern, lud er „ausgewählte Journalisten“, also die üblichen Verdächtigen, zur öffentlichen Bauchnabelschau ein. Euer Lieblingsautor war natürlich nicht eingeladen, vermutlich weil er kein Journalist ist und zudem auch nicht bereit, besagte BMW-Pressechefin zu hofieren.
Die einzige Frage, die ich gestellt hätte, wurde von Kaymer ohnehin beantwortet: Ich hätte gefragt, warum er nicht endlich professionelle Hilfe sucht, wie das fast jeder US-Tour-Spieler in einer ähnlichen Situation machen würde. Kaymer sagte dazu laut GM: “Ich halte den Kreis um mich bewusst klein. Mein Bruder, mein Vater, mein Manager, mein Medienberater. Ich brauche keinen Mentalcoach, der mir was erzählt. Ich habe Kollegen erlebt, die dadurch noch schlechter wurden. Wir haben beschlossen, konsequent weiter zu arbeiten. Dann wird sich auch der Erfolg wieder einstellen.“
Aha. Er hält diesen Kreis klein. Und ich dachte, es wäre John Elliot, der ihn so abschirmt, dass keine vernünftige Stimme mehr zu ihm durchdringen kann. Na gut. Also  nur sein Bruder, sein Vater, sein Manager und sein Medienberater. Keine Frau dabei. Wo ist eigentlich Fanny Sunesson, die ihn lange beriet?
In dem Zusammenhang stellt sich mir die Frage: Hatte Martin neben all dem Trubel der letzten Jahre jemals die Möglichkeit, private Tiefschläge (Verlust der Mutter und der Beziehung) aufzuarbeiten? Wie wir alle wissen hat der Umgang mit persönlichen Belastungen häufig den Verlauf einer Karriere bestimmt. Deshalb ist mir unverständlich, warum keiner aus seiner beratenden Männerrunde auf die Idee kam, Martin professionelle Hilfe zu empfehlen. Wobei zu klären wäre, was professionelle Hilfe überhaupt bedeuten könnte. Kaymers Abneigung gegen Psycho-Berater kann ich in gewisser Weise nachvollziehen. Warum Kollegen dadurch noch schlechter wurden, habe ich vor Jahren versucht in meinem Artikel „Gurus, Pandits und Schamanen“ zu erklären, den Oliver Heuler bereits 2006 als Audio-Datei veröffentlicht hat. 

Kaymer selbst sieht seine Situation so: „Ich habe dieses Jahr bis jetzt weit unter meinen Erwartungen gespielt. Gerade nach Südafrika und Dubai zum Ende des letzten und zu Beginn des neuen Jahres hatte ich gedacht, dass 2013 schon das Jahr wird in dem es wieder so läuft wie ich es von mir erwarte. Ich denke aber, dass ich viele Turniere zu ehrgeizig angegangen bin und zu viel wollte, weil ich wirklich immer viel trainiert habe und ich mir gedacht habe, dass es doch irgendwann mal funktionieren muss. Dadurch habe ich mir selbst immer sehr viel Druck gemacht und konnte nur wenige Runden wirklich genießen, weil ich mich immer weiter entwickeln wollte, anstelle einfach auf den Erfolg zu warten, der sich zwangsläufig irgendwann einstellt wenn man trainiert und weiter macht. Teilweise war ich stattdessen etwas ungeduldig, bin verkrampft und habe versucht gute Runden zu erzwingen, was aber sicher nie eine gute Idee ist und im Golf auch einfach nicht funktioniert.“ Zitat vom 5.9.2013

Also bitte: „Sehr viel Druck gemacht, ungeduldig, verkrampft … gute Runden zu erzwingen“. Wann hat Tim Gallwey sein „Inner Game Golf“ verfasst? Vor über 25 Jahren? Zumindest kenne ich das Buch seit mehr als 20 Jahren und wovon handelt es? Vom Druck und dem Versuch, gute Runden zu erzwingen. Selbst wenn Kaymers Saisonbeschreibung relativ harmlos klingt, ändert es nichts daran, dass eine gewisse Seelenpflege auch für ihn unerlässlich ist, wenn er wieder auf höchstem Niveau agieren möchte.

Wobei der Mentalcoach, den Martin ablehnt, für ihn ohnehin die falsche Adresse wäre. Ein Mentalcoach berät den Spieler bezüglich mentaler Aspekte des Spiels, aber um seine Hausaufgaben zu erledigen, müsste Martin tiefer buddeln. Wäre das erledigt, wäre sein Spiel wieder vollkommen im Fluss und er bräuchte in der Tat niemanden, der ihm (mental) sagen müsste, was er auf dem Platz zu tun hätte. Nein – Kaymer hat (vermutlich) mehr als er nur seinen schnellen Erfolg aufzuarbeiten, durch den ihm die Leichtigkeit des Spiels abhandengekommen ist. Erst wenn er seine Schatten erkennen und annehmen kann, wird er wieder den Flow von einst erfahren können. In diesem Prozess könnte ein auf Golf spezialisierter Psychologe durchaus hilfreich sein, wobei es auch andere Methoden gibt. Bernhard Langer arbeitet seit vielen Jahren erfolgreich mit dem lieben Gott, was für ihn funktioniert. Und wen hat Martin? Vater und Bruder, Manager und Medienberater…also, ich weiß nicht? Sollte er ein harter Tour-Grinder-Macho à la Cejka werden und konsequent und möglichst hart arbeiten?

Wie ich gerade erfahre, hatte der Autor Manfred Hauser bereits vor Jahren sein Buch „Befreit Golfen“ an Kaymers damaligen Club geschickt, um dem jungen Kaymer mentale Tools mit auf den Weg zu geben. Der ließ dann durch die Clubsekretärin mitteilen, dass er dessen nicht bedürfe. Na gut. Damals war es vielleicht zu früh. Interessant ist, dass Hauser in seinem Buch gängige Methoden beschreibt, die von Sportlern weltweit erfolgreich praktiziert werden, nachdem sie zu der Erkenntnis gelangt sind, dass der Mensch mehr ist, als nur eine trainierbare Sehnen-Knochen-Muskelmasse mit Steuerungs-Chip.

Ich wünsche Martin Kaymer das Beste und möchte keine miese Unke sein, aber die letzten fünf Jahre einfach wegstecken und sich weiter durch die Tour hangeln – ob das auf Dauer gut geht? Üblicherweise verdrängt und trainiert man, bis sich Verletzungen evtl. Allergien einstellen, denn dann hat man eine plausible Erklärung, wenn man den Cut verpasst. Ähnlich nützliche Dienste leistet übrigens der Jetlag. Bisher haben unsere Top-Spieler, wenn sie zu Tour-Events aus den USA eingeflogen sind, immer den Jetlag als Ausrede gehabt, wenn sie den Cut verpasst haben. Ich habe einigen großen Golffirmen und Sponsoren mitgeteilt, dass es ein effektives und kostengünstiges Mittel gegen Jetlag gibt, aber das interessiert keine Sau. Und warum? Inkompetenz und Arroganz? Wohl auch. Aber der eigentliche Grund ist: Jetlag passt so herrlich als Ausrede. Höhere Gewalt, da kann man nix machen. Das müssen auch die Fans verstehen. Tatsächlich sind es die unbearbeiteten persönlichen Ängste, die Spieler krank machen. Seves Spiel, so sagt man, zerbrach an der Dominanz des Schwiegervaters, bei Colin Montgomerie war es die Scheidung, aber darüber wurde nie gesprochen, zumindest nicht laut. Stattdessen wurde am Schwung rumgedoktert. Ich möchte behaupten, dass man einigen deutschen Tour-Pros, die ihre Karriere abbrechen mussten, hätte helfen können, wenn therapeutische Hilfe hierzulande nicht so ein Weichei-Image hätte.
Es ist schon ziemlich arrogant, wenn man mal eben die letzten 100 Jahre Erfahrung zum Thema Sport und Psyche ausblendet und so tut, als wäre „harte Arbeit am Schwung“ der einzige Weg zur Lösung von Problemen. „Systemische Aufstellung“ wäre vermutlich die besser wirkende Methode, aber davon wird Kaymers Männerrunde nicht wissen wollen, zumindest solange nicht, bis mehr Sponsoren abspringen und Ignoranz  anfängt, echtes Geld zu kosten. Ich frage ich mich, was Dr. Wolfgang Kuner davon hält?

Was mir Hoffnung macht, ist ein Satz von Martins Vater (Zitat aus Golfpost): „Junge, geh nicht schon wieder rennen. Ruh dich aus, schau ein Video oder lies ein Buch.”
Und Kaymer sagt dazu: „Ich habe es da in den vergangenen anderthalb Jahren vielleicht etwas übertrieben. Der Spaß darf bei aller Professionalität nicht zu kurz kommen.“

Prima, Martin, da geht es lang – und Bücher zu finden, die Spaß machen, sollte auch nicht das Problem sein. Damit können wir dienen..

Ihr /Euer

Eugen Pletsch

 

Dazu ein Kommentar vom 14.19.2013 von HD:

Liebe Cybergolf-Redaktion,

sehr interessante Überlegungen zu MK, ich hatte sehr ähnliche Gedanken, während ich seine Auftritte auf der Tour verfolgte. Warum dieser Bruch mit BMW als einem der wichtigsten und größten Golfsportsponsoren überhaupt, und dann - insbesondere aus der Sicht des Rendite-optimierenden Vermögensmanagers: warum hat er keinen neuen Hauptsponsor auf der Kappe? (das derzeitige Logo auf seiner Mütze ist das seines Clubs in Arizona!). Vielleicht sollte sich MK aus diesen Gründen mal fragen, ob vielleicht sein Manager noch der Richtige für ihn ist. Seltsamerweise ist der die einzige Person, die er nach Caddy, Freundin, Sponsor und Schlägermarke noch nicht gewechselt hat.
Deinem  Tipp für Kaymer, es mal mit einem systemischen Coach zu probieren, kann ich nach meinen Erfahrungen nur zustimmen, obwohl ich dem "Voodoo-Zauber" systemisches Stellen auch skeptisch gegenüber stand. Nachdem ich zwei Sessions mitgemacht habe (einmal als Auftraggeber, einmal als Rollen-Teilnehmer) war ich begeistert! 30 Minuten genügen, um einen unglaublich präzisen Ausblick auf die eigene Situation und die der anderen zu erhalten.
Liebe Grüße,
HD

 

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