20.06.2019 - 11:08 Uhr

Foto: Tim Frodermann

Zugegeben: Ich war aufgeregt, weshalb ich in der Nacht vor Frankfurt kaum Schlaf fand. Wochenlange Planung, konspirative Treffen mit den Eingeweihten – nichts wollten wir dem Zufall überlassen, denn es stand sehr viel auf dem Spiel….

Tim Schneider ist Spielführer in Hamm. Er hat Stimmkarten für zwei Clubs und fiel als Mitglied der Arbeitsgruppe II durch pragmatische und konstruktive Vorschläge auf. Das entspricht seiner Denkweise und der Zielstrebigkeit, mit der er seinen Ball bis ins tiefste Rough verfolgt.

Bei meiner Lesung im Golfclub Hamm im Frühjahr 2014 konnte ich mich nicht nur von seinen organisatorischen Fähigkeiten, sondern auch von seiner beachtlichen Kenntnis der Golfregeln überzeugen, weshalb er als Platzrichter in NRW berufen ist, freundlich, aber deutlich, Golfrecht zu sprechen. Kurz und gut: Tim Schneider ist ein Freund wie man ihn sich nur wünschen kann, was den Gedanken nahelegt, ihn zu seinem Geburtstag mit einer besonderen Überraschung zu ehren.

Esther Thomae, Herausgeberin der Zeitschrift „Fair-Way“ (…im Herzen Westfalens) sah das auch so und war mit Tim Schneiders persönlicher Leibwächterin Jenna (Deckname einer ehemaligen Rennfahrerin) von NRW aus mit den Vorbereitungen der Feierlichkeiten befasst. Auf Grund meiner hervorragenden Beziehungen zum Bereich Kommunikation des DGV gelang es mir, die ca. 600 Gäste (vorwiegend Clubpräsidenten und Clubmanager) aus ganz Deutschland unter dem Siegel der Verschwiegenheit zur Anreise zu bewegen.
Aus fiskalischen Gründen und wg. der Reisekosten würden natürlich auch ein paar Verbandthemen diskutiert und ein bisschen abgestimmt werden und so kam es, dass selbst die PGA, etliche Clubmanager und Erwin Langer höchstselbst – kurz: alles was im Golfsport Rang und Namen hat –  anreiste, um Tim zu ehren.

Als spaßiges Rahmenprogramm hatten wir einen simulierten „DGV-Sonderparteitag mit Beschlüssen a la Volkskammer“ ausgeheckt und alle hielten sich an die Absprachen, den DGV mit einigen der Arbeitsgruppenempfehlungen mal so richtig an die Wand fahren zu lassen. Um bei Tim für etwas Irritation zu sorgen postete ich am Tag zuvor auf Facebook: „Morgen eröffnet der DGV die 5. Jahreszeit mit einem närrischen Treiben im Steigenberger Airport Hotel, Frankfurt. Ich habe mir was Originelles ausgedacht und werde mich als Clubpräsident verkleiden.“

Als der Shuttle mit Tim, Esther und Jenna am Steuer kurz vor 9 Uhr in Langgöns hielt, um mich aufzupicken, glaubte Tim, ganz fesch als Sportler verkleidet, wir wären als Jecken zu einem DGV-Verbandstag nach Frankfurt unterwegs.
Jenna startete den Hyperantrieb und wenig später raste sie mit einer Irrsinnsgeschwindigkeit durch das Parkhaus des Steigenberger Airport Hotels, wo sich die Granden des deutschen Golfsports in der Lobby bereits versammelt hatten. Manche hatten die Vereinskutte übergestreift, manche Herren zeigten Farbe, und einige tolldreiste Senioren trugen sogar Jeans, um damit ihr Bekenntnis zum frischen Wind im deutschen Golfsport zu demonstrieren.

Nach der Anmeldung und einem Frühstück-Snack (ein paar Nebensächlichkeiten lasse ich jetzt mal aus) ging es los. Im dunklen Anzug (als Banker verkleidet) begrüßte DGV-Präsident Nothelfer die Gäste und natürlich unseren Tim, der sich bescheiden irgendwo unter das Partyvolk gemischt hatte. Die Stimmung war großartig. Alle wussten, dass es ich um ein abgekartetes Spiel handelte und trotzdem gab jeder sein Bestes, um die Illusion einer breiten Diskussion um die Zukunft des Golfsports aufrecht zu erhalten.

Bald kam es zur 1. Abstimmung mit dem Thema der Arbeitsgruppe II (Managementberatung), in der Tim im Sommer mitgearbeitet hatte. Die Vorschläge wurden mit 69% angenommen und Tim war glücklich. Alle lächelten ihm zu, jeder freute sich und ein halbes Dutzend Consultants witterte Blut und rieb sich die Hände.

So ging es dann weiter im närrischen Treiben, das ich durch eine immer stärker werdende Müdigkeit nur wie durch einen trüben Schleier verfolgen konnte. Die Kampagne für den Golfsport wurde vorgestellt und die Kernidee, dass Golf ein Synonym für LEBENSFREUDE wäre, sorgte für brüllendes Gelächter, worauf ich aus meinem Koma erwachte. Was? Wie sollte der Slogan der Kampagne lauten?

„GOLF. MITTEN INS GLÜCK.“

Klingt wie: „Golf. Wie ein Schuss ins Knie.“ … was der Sache wesentlich näher kommt, wenn man an die derzeitige Realität im deutschen Golfsport denkt, an 6-Stunden-Turniere, immer größere spielerische Inkompetenz etc. Aber es war ja nur Spaß. Eine Gaudi, die sich junge Burschen von der Agentur „Serviceplan“ ausgedacht hatten. Mit der Spielfreude von jungen Hunden hatten sie über Dinge phantasiert, von denen sie nichts verstehen, denn wie schreibt der Dichter im Weg der weißen Kugel, wie in Stein gemeißelt (und 2015 zum 20jährigen Jubiläum in einer Neuauflage erhältlich):

„Der Golfsport mit seiner jahrhundertealten Tradition der Verzweiflung und Verbitterung wird Sie auf unbekannte Bewusstseinsebenen und in neue Dimensionen der Selbsterfahrung katapultieren. Bald begegnen Ihnen die klassischen Fragen der Golfphilosophie:
Wer bin ich, warum bin ich, warum bin ich hier und warum tue ich mir das an?
Um es klar zu sagen: Golf macht süchtig, dann eine Weile blöde, dann depressiv. Sie könnten schnell pleite sein. Ihr Weib wird Sie verlassen oder, schlimmer noch, auch mit dem Golfen anfangen. In fünf Jahren werden Sie Ihre Schläger einem Idioten andrehen, der – mit ähnlich glasigen Augen wie Sie damals – am Putting-Grün herumlungert. Sie werden aufwachen und feststellen, dass Sie ein Wrack sind. Die Leber geschwollen, die Hände zitternd, die Firma unter Bankaufsicht.“

Also „GOLF. MITTEN INS GLÜCK, dachte ich und während ich vor mich hindöste kamen mir, dem altem Werbetexter, noch andere passendere Slogans in den Kopf:Tim Schneider, Esther Thomae und Eugen Pletsch
„Golf. Wo man noch unter sich ist.“
„Golf. Wo alles bleibt, wie es ist.“
„Golf. Vier Räder - ein Ziel!“
„Golf. Wo Schummeln nicht auffällt.“
„Golf. Schön, reich und erfolgreich.“
„Golf. Wo es nicht so drauf ankommt.“
„Golf: Mitten ins Aus.“
„Golf: Driven statt nur fahren.“
„Golf. Denn beschissen wird überall.“

Nein, den letzten Slogan, den könnte man nicht bringen. Das ginge zu weit. Ich erwachte, fragte meine Nachbarin, die mittlerweile alle neuen Schuhmodelle von Zalando studiert hatte, nach dem Stand der Abstimmungen und notierte auf meinem Lifeblog:

DGV Werbekampagne "Golf. Mitten ins Knie" ist beschlossen. Flexicard ist vom Tisch, Goldholo bleibt!

Beim Werbeslogan hatte ich mich leider vertippt, aber es wurde zur Mittagspause gebimmelt und da ich bereits etwas unterzuckert war, stürzte ich zu den Trögen. Wenige Minuten später stand die Zukunft des Golfsports kauend und schlürfend beisammen und zwinkerte sich zu. Alle fragten sich, wann Tim endlich merken würde, dass das seine Party war. Doch der stand an einem Tisch und diskutierte allen Ernstes das Für und Wider der getroffenen Entscheidungen. Freundlich zwinkerte man sich zu, aber man freute sich über den Enthusiasmus, mit dem Tim bei der Sache war. Wirklich alle hatte beste Laune. Selbst Mick Weichselgarter wurde beim Lächeln erwischt und HB-Männchen Wolters strich wie ein Rumpelstilzchen auf Extasy um Tische und wünschte selbst mir in aller Unschuld einen guten Appetit, was mich sofort sehr misstrauisch machte. Hatte man uns vielleicht hintergangen? War das bunte Treiben mit simulierten Diskussionen und den 90% - Beschlüssen gegen fast alles, was die Arbeitsgruppen in monatelanger Arbeit vorbereitet hatten, doch kein Fake?

Hatte man uns reingelegt?

Wie immer in solchen Momenten des Zweifels konzentrierte ich mich auf das Buffet, insbesondere auf die exzellenten Nachspeisen. Die Latte, die das Marriott im Frühjahr mit einer grandiosen Auswahl an Gummibärchen legte, übersprang das Steigenberger leicht mit seinen Patisserien, die jede Bauchspeicheldrüse zur Verzweiflung bringen konnten. Ich stehe bei der DGV-Pressestelle im Ruf, nur wegen dem Essen zu kommen und das ist gar nicht so falsch. Da wir Online-Medien als direkte Anlaufstelle golfinteressierter Surfer bei der gesamten Diskussion um neue Mitglieder nie in Betracht gezogen wurden und alte Köpfe alte Printmedien-Zöpfe nicht loslassen können, werden wir Special-Interest-Portale in Sachen Golfsport weder budgetiert, noch als Gesprächspartner wahrgenommen, was exklusiv-golfen.de gerade in einem sehr interessanten Artikel ausgeführt hat.

Da ich als Dienstleiter in Sachen „Golf im Web“ für den DGV mehr als 12 Jahre ehrenamtlich Texte ins Netz einspeiste, man aber offensichtlich nur meine kritischen Kommentare zur DGV-Politik wahrnimmt, hatte ich mich im Sommer 2014 entschlossen, trotz Gummibärchen, keine DGV-Meldungen mehr zu veröffentlichen.
Deshalb weiß ich nicht, was ich Klaus R. antworten soll, der mir heute eine Spende von 10.- Euro mit dem Vermerk „Bitte weiterbloggen und den DGV beobachten!“ zukommen ließ.
Nein, sorry, lieber Klaus, zum DGV kann und will ich mich nicht mehr äußern. Wenn der Selbstzerstörungsmodus im Todestern von Aufrührern und Intriganten aktiviert wird, können wir uns im „Restaurant am Ende des Universums“ nur noch zurücklehnen und zusehen, wie ein Komet verglüht.
Man kann nur hoffen, dass ein neuer Tag eine neue Zukunft bringt, aber um auf das Thema Buffet zurückzukommen: Weil ich derzeit Diät lebe (dazu demnächst mehr) musste ich mich bei dem leckeren Buffet sehr zurückhalten, was mich etwas missmutig stimmte.
In dem Zusammenhang gibt es auch noch ein Missverständnis zu klären. Dummerweise hatte ich ein Bild vom Mittagstisch ins Netz gestellt, was die üblichen Sozialneider a la Klaus J. sofort provozierte, über das Buffet ablästern! Der DGV kann sehr wohl sparen – aber nicht bei Tim! Bei verdienten Leuten muss man es auch mal krachen lassen und letztendlich wird eh immer alles von der VcG bezahlt. Die hat man an diesem herrlichen Tag übrigens noch mal überleben lassen, vermutlich weil man die VcG auf einem echten Verbandtag im Frühjahr ganz genüsslich ausknipsen will, sofern bis dahin jemand eine Antwort darauf hat, wo dann die Kohle herkommen soll.

Was wurde sonst beschlossen?

Ach ja – auf Grund der aktuellen politischen Lage (und um sich in Berlin in Sachen Ryder Cup einzuschmeicheln) hat man die Frauenquote für alle Clubmannschaften beschlossen. Das gefiel mir, denn bei meiner derzeitigen Drive-Länge kann ich mich jetzt bei unseren Jungsenioren als Quotenfrau ins Gespräch bringen. Und dann stand da noch so ein verrückter Präsident auf, ein gewisser Herr Fahrenbach vom Golfclub Bauernburg, der zum Thema „Lebenshandicap“ vorschlug, das Handicap eines Spielers vererbbar zu machen, damit die Kontinuität unseres Sports in den Golfer-Familien gewährleistet wäre. Wie das ausging, weiß ich nicht, weil ich mittlerweile auf der Suche nach einem Bett durchs Hotel streifte. Ich war nur noch müde, sehr müde, und irgendwann am späteren Nachmittag musste ich die Reißleine ziehen. Ich teilte Tim per SMS mit, dass es mir reicht.
Prompt hob er die Hand und stellte er einen Geschäftsordnungsantrag zur Beendigung der Debatte, worauf Herr Nothelfer dem Spuk sofort ein Ende bereitete. Zwar läpperten noch ein paar Anträge ein, aber auf Nothelfer war Verlass. Mit der Knute des Vereinsrechts bahnte er uns einen Weg durch den Saal, woraufhin Esther, Jenna, Tim und ich endlich verschwinden konnten.
Am Parkhausautomaten war ein letzter Geburtstagsscherz geplant: Alle Scheine, die Tim  an den Automaten verfütterte, wurden als ungültig oder nicht verkehrsfähig abgelehnt. Tim trug es mit Fassung und zur Belohnung gab ihm Jenna schließlich einen Schein, der die Sperre auf aufhob.

Wir fuhren in die Stadt und nach einem politisch vollkommen unkorrekten Exzess in einem Frankfurter Sushi-Restaurant startete Jenna durch und Minuten später wurde ich in Langgöns abgesetzt.

Ich denke, Tim hat dieser Tag auch Spaß gemacht. Wenn man sich vorstellt, was das für eine Gaudi war und welche Dummheiten beschlossen wurden, kann keiner mehr behaupten, beim DGV hätte man keinen Humor und es ginge da nicht lustig zu. Kann man echt nicht sagen, wirklich, ich schwörs!

Ihr /Euer

Eugen Pletsch

 

 

PS: Wenn alle Leser, die an meinen Texte Spaß haben, einmal im Jahr EUR 10.- spenden würden, könnte ich das nächste Buch anfangen...den Spendenbutton findet Ihr oben rechts. Danke!

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