21.05.2019 - 07:23 Uhr

Carnoustie

Nein, ich bin nicht zum DGV-Verbandstag gefahren. Wozu? Dabei zuschauen, wie die freie Entwicklung des Golfsports den Bach runtergeht - das muss ich mir nicht antun.

Obwohl es in gewisser Weise faszinierend ist, dass es einer kleinen Clique im Deutschen Golfverband immer wieder gelingt, die hohe Fluktuation und die mangelnde Vorbereitung vieler Stimmkarteninhaber für sich zu nutzen. Es reicht ein Schuss Panikmache, um selbst die auf ihre Seite zu ziehen, die eigentlich andere Interessen haben sollten.

Besonders, wenn der hehre Anspruch, ein „anständiger Club“ zu sein, mit der ökonomischen Notwendigkeit kollidiert, überschüssige Mitgliedsausweise zu verkaufen.

Viele Clubs sind in einer schizoiden Situation, indem sie einerseits vom ‚Prinzip der Gegenseitigkeit‘ faseln, andererseits bei dem Geschäft mit 'Billigmitgliedschaften mitmachen.
Mit der VcG, dem ungeliebten Kind, ist es das Gleiche: Die VcG soll nach Ansicht vieler sofort abgeschafft werden, darf bis dahin aber alle Rechnungen bezahlen.

Das deutsche Clubgewese, der Zwang zum Clubausweis, sorgt für den florierenden Handel mit „Billigausweisen“, die für viele sporadische Golfer die einzige Möglichkeit sind, wenigstens hin und wieder als „Clubmitglied“ spielen zu können.

Wenn manche Leute nur 5-10 Runden im Jahr spielen wollen, ist das deren Sache, finde ich. Warum das so ist, hat den DGV eigentlich nichts anzugehen.
Die Clubs haben das Hausrecht, können bestimmen, wen sie auf ihre Anlage lassen und die Erfahrung hat gezeigt, das ‚Wandergolfer“ häufig schneller, besser und korrekter spielen als manche Clubgolfer. Außerdem bringen sie Geld mit, aber das scheint egal zu sein.

Nicht Club-gebundene Greenfee-Spieler und Clubfreie leisten einen beträchtlichen Beitrag, aber sie haben keine Lobby, weshalb ich bereits mehrfach – und nicht nur satirisch – vorschlug einen „Verband freier Golfer“ zu gründen.

Im ‚Weg der weißen Kugel‘ habe ich in der Geschichte vom „Vogelfreien Golfer“ bereits vor 20 Jahren auf die Absurdität unserer Golf-Gesellschaft hingewiesen; in einem Beitrag für ein Magazin habe ich kürzlich nochmals zu erklären versucht, worum es bei dem grotesken ‚Prinzip der Gegenseitigkeit‘ geht. Ich zitiere:

„Stellen Sie sich vor, Sie buchen ein Hotel und man teilt Ihnen mit, dass Sie einen erhöhten Zimmerpreis zahlen müssen – es sei denn, Sie könnten nachweisen, dass Sie selbst Anteile an einem Hotel besitzen.

So ähnlich funktioniert das ‚Prinzip der Gegenseitigkeit“ der Golfclubs in Deutschland. Was früher, zu Zeiten der Privatclubs, noch eine gewisse Berechtigung gehabt haben mag, ist heute, wo die Golfanlagen meist von Unternehmen betrieben werden, ein Witz. Einem Hotel, das Ihnen so kommt, würden Sie vermutlich den Vogel zeigen, oder?

Aber beim DGV sind ‚unternehmerische‘  Kräfte wiedermal beharrlich dabei, das Golfspiel Richtung Zwangs-Clubmitgliedschaft zu reglementieren. Eine Expertenkommission hat eine Analyse zur Neustrukturierung der VcG und Eindämmung der sogenannten Billigangebote erstellt, die Sie hier finden. (PDF).

Geplant ist u. a. die Greenfees für VcG und Fernmitglieder zu erhöhen. Was soll das? Da werden Millionen aus der VcG-Kasse für eine merkwürdige Medienkampagne verplempert, um neue Golfer zu gewinnen, aber andererseits schottet man sich dadurch ab, dass man nur den Club-Golfer als „echten Golfer“ akzeptieren will. Wer exklusiv und für sich bleiben möchte, bitte sehr. Aber viele Golfclubs freuen sich über jeden Greenfee-Spieler und Fernmitgliedschaften machen durchaus Sinn, zum Beispiel, wenn jemand beruflich so eingespannt ist, dass eigentlich nur im Urlaub Golf gespielt wird.

Wer sich als Golf-Unternehmer verzockt, sollte die Monopolstellung eines Verbandes nicht dazu nutzen dürfen, seine wirtschaftlichen Interessen auszuleben. Das ist zumindest meine Meinung. Das Leben ist zu kurz, um sich über den DGV zu ärgern, aber bei diesem Thema kann ich Feuer speien, wie Sie hier nachlesen können.“

Wohlgemerkt: „Wer exklusiv und für sich bleiben möchte, bitte sehr. Aber viele Golfclubs brauchen jeden Greenfee-Spieler…“, und viele von diesen Greenfee-Spielern haben absolut keine Lust auf eine Zwangsmitgliedschaft.

Dazu gab es eine anonyme Kritik, die schimpfte, dass Golfer keinen Sand und Dünger kaufen würden, keine teuren Maschinen bezahlen, keine Sekretärin und Mitarbeiter einstellen und weder den Platz noch die Landschaft pflegen. Sie (die Golfer) wollten nur auf Kosten anderer Golf spielen.

Hallo? Nach meinem Wissenstand sind es seit Jahrhunderten die Golfer gewesen, die Clubs gründeten und unter erheblichem Aufwand Plätze anlegten. Und manche Clubs hießen reisende Golfer wilkommen, andere nicht. Das war schon immer so.
Weil es ab den 1980erJahren (seitdem bin ich dabei) bez. Clubmitgliedschaften mehr Nachfrage als Angebot gab, hofften einige als Betreibergesellschaften organisierte Unternehmer, sich eine goldene Nase verdienen zu können. Das ging für eine Weile gut, solange noch  Nachfrage nach Mitgliedschaften bestand und die wirtschaftliche Lage exzellent war. Aber schließlich rächte sich, dass man zu groß, zu angeberisch gebaut hatte, mal abgesehen von den explodierenden Betriebskosten.
Und was machen diese 'Unternehmer', nachdem sie merken, dass sie sich verkalkuliert haben? Wie Banken vergesellschaften sie ihr Problem, indem sie vom DGV fordern, den Club-Golfer zur einzig möglichen Lebensform zu erklären.

Aber in unserer Gesellschaft hat sich viel verändert. Selbst der DGV sieht ‚multioptionale Freizeitinteressen‘, die dafür sorgen, dass Golfer eine Clubmitgliedschaft nicht mehr als höhere Weihen betrachten.

Gleichzeitig tun viele Clubs viel zu wenig, um ihren Mitgliedern einen Mehrwert gegenüber der Fernmitgliedschaft zu bieten. Eine Clubmitgliedschaft bedeutete einst die Möglichkeit, in einem niveauvollen Umfeld sportliche, gesellschaftliche, geschäftliche und persönliche Kontakte knüpfen zu können.
Was ist davon übrig? Was bieten die Clubs heute? In vielen Fällen Ränke und Zänke der Profilneurosen und der an sich löbliche Service-Gedanke der Betreibergesellschaften hat dazu geführt, dass die Club-Mitglieder zu „Gästen“ wurden.
Gäste mit ständig wachsenden Ansprüchen, aber ohne Identifikation mit dem eigenen Club, was dazu führte, dass kaum noch jemand den Platz als SEINEN Platz ansieht. Ergo: Jeder hat Wünsche, aber keiner bessert die Pitchmarken aus und eine innere Bindung, eine Treue zum Club, gibt es längst nicht mehr.

Dazu kommt, dass auch der ‚Spirit of Golf‘, das Besondere an unserem Spiel, den Geist aufgegeben hat und in der gesamten Diskussion überhaupt nicht mehr vorkommt.

Als humoristischer Alleinunterhalter, der davon lebt, in Golfclubs aus seinen Büchern zu lesen (und als letzter Mohikaner vom Spirit of Golf zu erzählen) kann ich vom Verfall der Sitten mein eigenes trauriges Lied singen: In diesem Frühjahr hatte ich etliche Clubs angeschrieben, die in diesem Jahr ein Jubiläum haben und fragte höflich nach, ob sie ihren Mitgliedern etwas Besonderes bieten möchten. Gehen wir mal davon aus (und ich habe genug Referenzen, die das belegen), dass ein Abend mit Eugen Pletsch etwas Besonderes ist.
Ich schrieb also mehr als zwei Dutzend Clubs an (sprich: an die Präsidenten und sofern erkennbar an den Vergnügungsausschuss) und machte meine Offerte. Natürlich gehe ich davon aus, dass die Clubs bereits Vorbereitungen getroffen und sich für ihre Mitglieder Veranstaltungen zum Jubiläum ausgedacht haben.
Und ich weiß auch, mit wieviel Post ein Clubsekretariat alltäglich zugeschmissen wird.
Aber Inhalt und Form meines Schreibens waren so gehalten, dass man davon ausgehen darf, dass es den Adressaten erreicht hat. Und ja, ich erwartete tatsächlich, dass man meiner höflichen Anfrage wenigstens eine kurze Absage erteilt, wie das einst üblich war.

Es mag sein, dass mancher Clubpräsident Emails nicht öffnen kann oder in seinem Postkörbchen vor lauter Wolters-Schreiben nicht mehr durchblickt, aber alle?
Um es kurz zu machen: Ein Club meldete sich, knickte dann aber sofort ein, als ich mein läppisches Honorar nannte, denn Geld hatte man keins. Schließlich hat das Clubhaus mehr als eine Million gekostet.

Und nicht nur mir geht es so: Ein Golf-Unternehmer schilderte mir gestern, wie sehr der Handel mit Golfzubehör zurückgegangen wäre. Die Clubs wären pleite, die Proshops wären pleite, in manchen Clubs wären Mitglieder zum Jahresende in Hundertschaften ausgetreten. Viele Mitglieder hätten keine Lust mehr, weder auf das Getrödel auf dem Platz (weil keiner mehr Golf spielen gelernt hat), noch auf den Ärger mit der Club-Gastronomie – oder was immer die Gründe sein mögen.

Demgegenüber stehen geschätzte 200000 freie Golfer, darunter viele ehemalige Club-Golfer, die gerne, aber eben nur hin und wieder, spielen möchten. Warum dürfen die nicht, wie in jedem anderen Land der Welt, gegen Greenfee spielen*, sofern Startzeiten vorhanden sind und der Spieler sein Handwerk gelernt hat, oder lernen möchte? Warum muss man diese Leute so piesacken und reglementieren? Das verstehe ich einfach nicht.

Für die ersten 10 Jahre meines Golferlebens war ich als Clubfreier in Deutschland jahrelang im Außendienst unterwegs. Damals habe ich fast täglich die wenigen Golfclubs besucht, die mich trainieren oder spielen ließen und habe (in verschiedenen Golfclubs) übers Jahr ein Mehrfaches von dem ausgegeben, was ein Club-Golfer jährlich an Mitgliedbeitrag zahlt.

Wenn die deutschen Golfclubs meinen, Sonderwege beschreiten zu müssen, dann wird es wohl einige Konkurse geben, bis man begreift, dass Kleinvieh via Greenfee auch Mist auf den Haufen bringt.

Ihr / Euer

Eugen Pletsch

Wie beim Verbandstag abgestimmt wurde, könnt Ihr hier nachlesen

*Nachtrag: "Da könnte ja jeder kommen und spielen wollen!" Richtig. Wie auf vielen Plätzen weltweit, sollte der Mashall grundsätzlich präsent sein, muss aber hierzualnde in seiner Bedeutung komplett aufgewertet werden. Marshalls müssen nicht so knallhart wie in St. Andrews sein, aber sie müssen Mittel und Wege haben, um für Spielfluss sorgen zu können. (Auch wenn in vielen Clubs der Fisch vom Kopf stinkt!) Wenn sich ein Gast als gnadenloser Hacker herausstellt, muss das natürlich Konsequenzen haben. Aber glaubt mir: "Wandergolfer" würde man seltener vom Platz schicken, als gewisse Clubmitglieder, deren Golfspiel an ein Video-Standbild erinnert...

 

Anzeige
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok