20.05.2022 - 02:35 Uhr
Die Osterfeiertage ermöglichten mir, endlich mit Thomas Zacharias Werk „Der neue Golfschlag“ zu beginnen. Ich mag seine direkte, deutliche, kompromisslose, von endlosen Foren-Disputen gezeichnete Sprache.
Wer mit einem Eisen 9 nur 100 Meter schlägt, sollte sich damit nicht an einem Teich versuchen, für den es ein Eisen 6 braucht. Das ist nicht sein Beispiel, sondern meins, um klar zu machen, dass es physikalische Gesetze gibt, denen man sich beugen muss. Zumindest versuchsweise, sagt Zacharias. Interessanterweise gibt es Geschichten von Leuten, die mit einem Eisen 9 über den Teich schlagen, weil sie dachten, es wäre ein Eisen 6, aber das führt jetzt zu weit.
Ich bin erst auf Seite 27, aber schon gestern traf ich keinen Ball mehr. Das lag jedoch nicht an Tom und seinen Thesen, sondern schlicht daran (was ich besonders faszinierend finde), dass die juckende Versuchung, am Abschlag auch nur eine Sekunde lang über meine Hände nachzudenken, dazu führte, dass ich meine PreShot Routine in diesem Moment verließ.
Tom fragt an einer Stelle: „…die störenden Gefühle. Woher kommen sie?“

Ja, woher kommen sie? Meine störenden Gefühle entsprangen der urplötzlichen Sorge, dass ich vielleicht etwas nicht richtig machen könnte, über das ich gar nicht mehr nachdenken wollte, weil es eigentlich ganz gut klappt, solange ich nicht darüber nachdenke, wobei ich überhaupt nicht weiß, ob ich früh oder spät schlage, was mir auch Wurscht ist, solange ich Mitte Fairway liege.
Zumal ich – die Faktoren Alter, Fitness, Nerven, Mitspieler, Platzzustand, etc. zusammengeschmissen – mit meinem Spiel sehr zufrieden bin. Ich versuche zielorientiert zu spielen (im Gegensatz zum technikorientierten Spiel), was ich in der neuen Ausgabe von “Der Weg der weißen Kugel" an mehreren Stellen zu erläutern versucht habe.

These: Wer auf dem Platz über Technik nachdenkt, ist verwirrt wie der Tausendfüßler, den man fragt, wie er seine 1000 Füße koordiniert. Nichts geht mehr und so ging es mir auch, sowie ich auch nur an meinem Griff dachte.

Wohlgemerkt: Ich habe nichts von Zacharias Methoden ausprobiert, sondern habe nur ein paar Seiten gelesen. Trotzdem mußte ich über meine Hände nachdenken, anstatt mein Ziel vor meinem inneren Auge zu spüren. Ich kenne das natürlich aus der Zeit, als ich mit Barbara Helbig tatsächlich an einer Änderung meines Griffs arbeitete.

Zacharias sagt sehr deutlich, dass seine Vorschläge intensiv erarbeitet werden müssen. Er rät nicht, mal kurz das Vorwort zu lesen, um dann auf den Platz zu rennen, um am Griff rumzuschrauben. Natürlich nicht – aber so sind viele Leute. Ich zumindest.

Zacharias beschreibt zwei Golfer-Typen: Die, die irgendwann resignieren und die Sache schnell schmeißen und jene, die es wirklich wissen wollen, die sich richtig reinhängen. Die letzte Gruppe spricht er vermutlich mit seinem Buch an. Er bringt das Beispiel vom Pianisten, der in seiner Ausbildung Fingerübungen lernt, über die er beim Konzert nie nachdenken würde. Da sind wir vollkommen einer Meinung, das ist genau das, was ich (von vielen Missverstanden) versucht habe, in meiner Golftime Kolumne „Die Volksschwinger“ auszudrücken: Motorik gehört verstanden, gelernt und geübt. Wenn sich der Golfschwung entwickelt hat, wird er zu einer flüssigen Bewegung, die sich dann zu einem Ziel hin orientierten sollte.

Was Tom jedoch ausgeblendet hat (aber vielleicht kommt es noch im Buch): Es gibt noch einen dritten Golfer-Typen, die weitaus größte Gruppe. Das sind die vielen lieben, zufriedenen Seelen, für die das, was sie so zusammenhacken, vollkommen OK ist. Das sind jene Hänschen-Klein-Virtuosen, die ohne jeden Ehrgeiz auf einem Klavier rumklimpern (um bei Toms Beispiel zu bleiben), weil es da gerade rumsteht und Töne von sich gibt, wenn man drauf haut. Ist es nicht schön, dass da Töne rauskommen? Was will man mehr? Wie bitte? Mozart? Paah! Golf, so richtig den Ball treffen und weit schlagen jenseits der Zufälle, ist in ihren Augen ein Spiel für Profis, die in einer anderen Welt leben.

Offensichtlich haben jetzt einige Golfclubs in Bayern erkannt, dass diese Spielergruppe nicht nur Nerven kostet, sondern auch echtes Geld. Langsames Spiel ist natürlich Handicap-unabhängig. Es gibt Schnecken, die sehr gut spielen können, aber ich rede, leider mal wieder, von den DGV-verführten Legionen von Light-Golfern, die die Plätze bevölkern, bis gar nichts mehr voran geht. Diese bayrischen Golfclubs versuchen jetzt, dem entgegenzusteuern. Ob es etwas nützt, ist fraglich, denn wenn sich (was ich Tom wünsche) Tausende von Spielern sein Buch kaufen, um dann, wie ich, auf dem Platz über die Hände nachzudenken, dürfte sich die durchschnittliche Rundenzeit noch mal um 15 Minuten verlängern.

Also Leute: lest „Der neue Golfschlag“ gründlich, übt die Sache richtig ein, aber denkt auf dem Platz daran, dass Golf ein Zielspiel ist!

Ostergrüße

Eugen Pletsch

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